Ohne zu übertreiben kann man behaupten dass der folgende Artikel, den du, liebe Leserin (sorry lieber Leser, aber du bist statistisch arg in der Unterzahl) nun lesen wirst Geschichte schrieb. Das hat zwei Gründe, die ich im Vorwort kurz erläutern möchte.
Es war ein lauer Abend im Sommer 2008 als ich mit Clemens auf der Veranda meines hölzernen Hauses saß, dem Gesang des Abendwindes und dem Zirpen der Grillen lauschte und ihm bei einem Glas Wein von den Vorkommnissen der Fahrprüfung berichtete.
Seit jenem Abend diente er mir als Erinnerer. Zu zahlreichen Gelegenheiten half er mir aus, wenn ich wieder einmal zentrale Textpassagen der Geschichte vergaß. Als er es leid war die Funktion meines Notizblockes zu tragen legte er mir mit regelmäßiger Häufigkeit nahe mir einen Blog zu zulegen, was ich stets verneinte. Einige Wochen später aber fragte ich ihn erneut nach der Geschichte und er schickte mir nur die Adresse meines neuen Blogs.
Als zweiten Grund möchte ich das freudigste Ereignis seit dem Ausscheiden der Italiener in der Vorrunde der WM nennen:
Gerade eben läuft auf Sat1 Leverkusen gegen Metalist Charkow und die Werkself gewinnt. Nachdem Mailand gestern gegen Bayern verloren hat heißt das folgerichtig, dass die Schauspieler vom Stiefel nächstes Jahr einen Championsleague-Startplatz abtreten müssen und wir einen dazu bekommen. Das hat nicht nur oberflächlichen Wert sondern bringt der DFL, dem Verband dem die Bundesliga ‘gehört’ mindestens 20 Millionen Euro mehr, wovon auch ein gewisser Prozentsaß in unseren Staatshaushalt fließt.
Und nun, 20 Jahre und 144 Tage nach der Wiedervereinigung, lasse ich hier und heute die Katze aus dem Sack und präsentiere euch die Mutter aller Artikel, die knapp drei Jahren in meinem Keller lag und Tag für Tag besser wurde.
Also Sohn eines ehemaligen Militärkraftfahrers, der sein Auto blind und mit 6,0 Promille souverän navigieren könnte habe ich Benzin im Blut. Sowohl Motorrad-, als auch PKW- Blut. Deshalb habe ich meinen PKW-Führerschein im Schnelldurchlauf innerhalb von zwei Wochen gemacht und einen Prüfungstermin am ersten Freitag im Juni reingeknallt bekommen. Am Donnerstag davor hat, wie jedes jahr, Clemens Geburtstag. Aber das ist ja kein Problem, beim Clemens gibt es eh nie viel zu trinken und selbst wenn doch, da trinke ich halt mal nix und/oder bleibe nur bis um zehn, denn der Termin ist bereits um acht. Haahaa, denkste. Früh um drei werde ich rotzebudenzu nach hause gebracht.
Um Zeit zu sparen und länger schlafen zu können ziehe ich mich gar nicht erst aus und lehne mich direkt vor dem Bett an die Wand, top Schlafposition mit 2,5 Promille!
Am nächsten morgen weckt mich meine vibrierende Hose, ich habe eine sms bekommen ‘Hey Tom, ich drück dir die Daumen, Kussi, Kathi.’ Was? Sie drückt mir die Daumen, schön…und wofür? Fuck! Die Fahrprüfung! Es ist schon halb 8, ich stinke wie eine Schnapsbrennerei und muss in zehn Minuten am Treffpunkt sein, also los, auf zum Atom! Der Geist ist willig aber der Körper hat seine eigene Vorstellungen vom Start in den Tag, in Zeitlupe und unter akuten Muskel-und Gelenkschmerzen erhebe ich mich vom Bettvorleger und gehe die Treppe auf allen vieren hoch ins Bad.
Jetzt muss die verlorene Zeit irgendwie wieder gut gemacht werden, auf dem Topf sitzen, Zähne putzen, Haare machen und umziehen muss alles zugleich passieren. Dann noch fix einen halben Liter trinken um das Blut zu verdünnen und eine Semmel essen um den Restalkohol aufzusagen und ab geht die Luzie!
Unterwegs fällt mir auf, dass der Mundgeruch nach Alkohol und Breche vom Zähne putzen kaum bis gar nicht überdeckt ist, also checke ich in die Tankstelle ein und kaufe zwei Schachteln Tic Tacs, eine auf ex, die andere für unterwegs.
Während ich so rechne wie viele Kalorien 100 Tic Tacs haben, wenn ein einzelnes Tic Tac zwei hat und einfach nicht auf die Lösung komme fährt mir schon mein Fahrlehrer entgegen, schon von außen sehe ich ihm die 200 Puls an, die Adern an der Schläfe Platzen bei der geringsten Berührung, also jetzt ja alles richtig machen, rein ins Auto und los! Apropos los…welches von den drei Pedalen war doch gleich die Handbremse? Ein kleiner Scherz am Rande und dann gehts auf in Richtung Bautzen.
Während den 30 Minuten, in denen wir noch mal alle kritischen Ecken der Innenstadt abgefahren sind, richtete sich meine Konzentration hauptsächlich auf meinen Darm, denn wie in Biologie gelernt: Tic Tacs haben eine abtreibende Nebenwirkung, an super! Was sonst, es konnten keine Pickel sein oder Husten, Kopfschmerzen, Müdigkeit, neeeein Durchfall. Also ab zur Dekra, rein ins Foyer und erst mal für kleine Königstiger.
Nach einer gefühlten halben Stunde unter Presswehen steige ich zurück ins Auto, der Prüfer wartet schon, ein eierköpfiger, großer, bleicher Typ, dessen Kleidungsstil aussagt: ‘Hallo, ich bin heute euer Vertretungslehrer.’ Er trägt ein Beiges Hemd zur grünen Hose und den braunen Schuhen, abgerundet von einer schwarzen Krawatte mit braunen Karos und einer Brille aus Fensterglas.
Im Auto neben mir sitzt eine hübsche Brunette, sie schaut etwas verklemmt, wahrscheinlich aber nur, weil ich auch ziemlich verklemmt schaue. Sie nimmt die Hand vom Lenkrad und drückt mir die Daumen, das finde ich süß, ich würde gerne zurücklächeln, meine Mimik ist aber noch gelähmt vom Alkohol und sieht mein Lächeln wohl ziemlich aggressiv aus, sie schaut zumindest weg und sieht mich nicht mehr an, obwohl ich sie fixiere so gut ich kann.
Und dann gehts auch schon los! Der Prüfer hat das schwulste Klemmbrett aller Zeiten (rot mit weißen Zierlinien und einem Gummiüberzug am bösen Schnipsdings, damit es nicht so laut knallt beim schnipsen) aus der Vertretungslehrer-Umhängetasche geholt und macht allerlei Eintraugungen, so verpasst er wie ich fast eine Oma über die Motorhaube vom Fahrrad absteigen lasse, das wäre schon ein kleines Highlight gewesen.
Nach dem die ersten Hürden genommen sind wird die Straße plötzlich dreispurig, eine Gegenspur, eine Spur voller Autos und eine komplett leere Spur. Weltklasse! Warum sollte ich mich bei all denn Deppen hinten anstellen? Blinker rechts und ab auf die leere Spur, auf der markant, mittig und groß die Buchstaben ‘BUS’ geschrieben stehen. In meiner Panik bleibe ich 5 Meter vor dem Stopschild, direkt auf dem Schriftzug ‘BUS’ stehen, damit es der Prüfer nicht sieht, ich bin ja nicht doof
. Er sieht es aber irgendwie doch und versucht mich zu beruhigen, das wäre halb so schlimm und ich könnte weiterfahren.
Im Kopf bin ich noch am rechnen…das halbe Maß ist also schon voll, plus die Oma von vorhin, schätzungsweise 2 volle Maß und das mit dem Rad gegen den Bordstein knallen vorhin beim rückwärts einparken, etwa ein viertel Maß ….macht insgesamt schon 2, 3/4 volle Maß Durchgefallenheit, na gut, dann brauch ich mir jetzt nicht mehr allzuviel leisten, also schön langsam fahren und Zeit schinden. Mein Plan geht bestens auf, denn ich verpenne ein Winksignal vom Fahrer neben mir in der Autospur und verbringe die nächsten 10 Minuten wartend auf der Busspur, bis hinter mir ein Bus kommt und das Signal auf ‘go for Bus’ stellt. Dannach geht’s direkt auf die Autobahn, da kann der Golf Plus mal zeigen was er kann, schön die Gänge hochbeschleunigt und hups…160 km/h, vor mir überholt ein LKW, hinter mir kommt ein Mazda RX-8 mit gefühlten 320 km/h angerast, ‘Auf der Autobahn niemals bremsen!’ hat mein Fahrlehrer immer gesagt, also Feuer frei! Vom 5ten in den 4ten Gang runtergeschalten und auf 190 beschleunigt das KFZ, ich rase am überholenden LKW vorbei und eröffne kurzerhand eine dritte Spur auf der gestrichelten Fläche, die sich zum Ende hin gefährlich verjüngt, aber alles kein Problem für Captain Tom.
Der Eierkopf auf der Rückbank klammert sich an sein Klemmbrett und schaut zum Fenster raus, fummelt die Flusen von seinem Hemd und schaut weiter raus, ich wollte an der Gesichtsfarbe ablesen wie er die letzte Aktion so bewertet aber gut, viel bleicher konnte er eigentlich nicht werden, wahrscheinlich wird sein Gesicht schon seit 1994 nicht mehr durchblutet, als er damals versucht hat sich ein Kondom über den Kopf zu ziehen, ja… so muss das passiert sein.
Nach dem Manöver auf der Autobahn hat er dann auch genug gesehen und wir fahren zurück auf das Gelände der Dekra, als ich das Gebäude an mir vorbeirauschen sehe und bemerke, dass ich schon fast 70 in der Ortschaft fahre, bremse ich abrupt um die Einfahrt noch zu erwischen, dem Prüfer hüpft das Klemmbrett vom Schoß, direkt vor in meinen Fußraum, das draufgeschnallte Blatt Papier ist etwa dreiviertel voll geschrieben, ich glaube nicht, dass das ein gutes Zeichen ist aber mal abwarten… .
Kurze Zeit später muss ich nur noch die Parklücke auf dem Parkplatz der Dekra treffen aber da arbeitet schon lange keiner mehr und unbedrängt und ohne Vorschriften parken auf einer Fläche eines Fußballfeldes ist eine meiner leichtesten Übungen und so bringe ich das Fahrzeug souverän zum stehen.
Es folgt eine endlose Aufzählung von Fehlern und Versäumnissen, Unachtsamkeiten und Fehlinterprätationen von Richtungsanweisungen, in meinem Magen mischt sich ein ekliges Gefühl aus Restalkohol, Hunger und dem Gefühl total versagt zu haben, ich überlege wie ich es meinen Eltern am besten erkläre…erzähle ich irgendeine Geschichte oder sag’ ich es einfach wie es war? ‘Mutti, folgendes: Ich bin durchgefallen weil ich 1,8 Restalkoholauf dem Kessel hatte, ich bin kaum ins Auto rein gekommen!’ da braucht man Mut um das als abhängiger Sohn zu bringen. Und dann erst die endlosen Debatten mit den besorgten Omas die sowieso schon jedes mal alle Zeitungsartikel der letzten Woche zum Thema Alkohol, Drogen, Flatratesaufen, Motorradfahren oder Verkehrsunfällen ausgeschnitten haben.
Auf einmal unterbricht der Eierkopf meinen Gedankenstrang in dem er seine Hand in mein Gesichtsfeld reckt, mir fällt nichts besseres ein als zuzufassen, er schüttelt meine Hand wie ein Mädchen die Müllermilch und überreicht mir meinen vorläufigen Führerschein mit den Worten ‘Schönes Wochenende noch’ und geht 09:45 Uhr in den wohl verdienten Feierabend.
zurück bleibt ein Fahrlehrer der mit seinem Schüler um die Wette staunt und den Mund nicht mehr zu bekommt, der Prüfer kann das doch alles nicht nicht bemerkt haben?!
Wir beschließen jedenfalls dass es gesünder ist wenn Friedmar nach hause fährt und wir davon keinem etwas erzählen.
Interessanter Weise hat einige Zeit später auch die Bundeswehr mein fahrerisches Talent erahnt und mich nach einigen Anlaufschwierigkeiten für die letzten paar Wochen doch noch zum Platz hinter dem Lenkrad verdonnert aber das ist eine andere, auch sehr schöne Geschichte.
So und jetzt….abschalten.
PS: Gerade hat Leverkusen das 2:0 gemacht.